Snow in June

Sometimes the snow comes down in June
Sometimes the sun goes ’round the moon
I see the passion in your eyes
Sometimes it’s all a big surprise

So ähnlich geht es mir heute. Als ob ich es geahnt hätte. Ganz spezielle Nacht. War sie auch. Gestern noch bei Tage, sprach ich mit jemandem darüber, wie faszinierend ich (unter anderem) betende Hände auf Friedhöfen finde. Es gibt sie auf fast jedem 10. Grabstein. Egal auf welchem Friedhof man sich in Köln befindet. So viele Arten von Händen… Aus Bronze, aus Silber, im Stein gemeiselt, als Skulptur, als Zeichnung… In vielen Formen und Grössen, in vielen Farben, mit verschiedenen Details…

Und so machte ich mich, nichts ahnend – auf den Weg zu meinem Nachtdienst. Etwa zwei Stunden später… Ich erzähle es einfach, ganz kurz :-)

Das Thema Friedhof, seine Ruhe, schöne Fotomotive und Stille inmitten einer Grossstadt  mag ich einfach. Zwischen Leben und Tod. Für mich – doch etwas mehr Leben :-) Gerade seit einem Monat  so sehr – nachdem ich zum wiederholten Mal den wunderschönen Melaten besuchte. So gewaltig, so gross, mit so vielen Skulpturen, dass ich mich gedanklich auch im Nachtdienst damit beschäftigt habe, um mich irgendwie weiter wach, fit und glücklich fühlen zu können, trotz der langen, wachen Stunden auf meiner Arbeit. So erfuhr ich, Dank Internet auch, dass es in dieser Stadt fast 40 verschiedene Friedhöfe gibt, von der Fläche her teilweise noch grösser als der Melatenfriedhof selbst. Neugierig wie ich bin, fasste ich den Entschluss, irgendwann auch diese zu besuchen. Ich dachte eben, den grössten und schönsten habe ich schon gesehen. So kann man sich irren ;-) Nicht nur die Ruhe finde ich dort so toll. Auch so viele Geschichten, so viel Leben, Grün. Und so viele Gedanken über das Leben an sich, die einem durch den Kopf gehen, während man über diese Friedhöfe geht. Wohin man geht, wieviel Zeit bleibt uns noch hier übrig… Die Faszination über diese betenden Hände kam von ganz alleine. Plötzlich und genauso still. Sie war einfach da. Ein immer wiederkehrendes Detail. Hoffnung, Glaube… Gleich und dennoch unterschiedlich, jedes Paar ist anders. Ein Paar, etwas, was nur wir Menschen besitzen – Kreativität, Arbeit, Berührung, Fühlen, Festhalten, Stärke, Wärme, Zeichen des Alters, ihre Lebendigkeit… Und weiß Gott, was noch alles. Es gibt vieles, was man über Hände sagen könnte und was wir noch alles mit unseren Händen im Leben so anstellen… :-) Beten können sie auch. Stehen ruhig einander gegenüber, strahlen Frieden und Ruhe aus, harren für einen Moment aus und denken mit uns zusammen nach. Sprechen ein Gebet. Ganz still. Unbeweglich. Zwei so lebendige Dinger erstarren einfach in ihrer Demut. Alleine dieser Gedanke hat mir schon gereicht, um mich für die nächste Tour zu entscheiden :-) Betend, dass ich mit dem Wetter nächste Woche Glück habe :-)

Mit all diesen Gedanken, nachdem ich sie auch Häschen erzählte – fuhr ich zum Nachtdienst. Einige Zeit später hatte ich Gänsehaut. Da kommt ein Patient herein und bittet mich darum, sein Rücken einzureiben. Rückenschmerzen. Ähnliches Leid wie ich. OK, sagte ich… Er zog sein T-Shirt hoch und in dem Moment sah ich – betende Hände! Ein recht grosses Tatoo eben dieser Hände auf seinem Rücken. Dieselben Hände, die mich zwei Tage lang nicht mehr in Ruhe lassen. Nach anfänglicher Sprachlosigkeit und kurzen Gedanken über Vorsehung, Zufälle und sonstigem Kram, die mir im ganzen Zusammenhang in dem Moment durch den Kopf schossen (der beste Gedanke dabei war wieder mein altbekanntes und unvermeidliches „Nichts geschieht ohne Grund.“), schaute ich mir diese Hände an, diesen Rücken… Wie der „Zufall“ so will, kamen wir auch ins Gespräch, von wegen Friedhöfe, Fotos, Glaube, Hoffnung und so… Als ich ihm dann erzählt habe, warum ich diese Hände so toll finde – kam der Hammer. Seine Antwort war: „Bestimmt deswegen, weil Sie dort so viel Ruhe finden.“ Ja, ja… Die Zufälle ;-) Ein Mensch, den ich kaum kenne, seinen Rücken sowieso nicht, obwohl er schon seit fast vier Wochen bei uns ist… Und ich kriege von ihm genau DIE Antwort, die es in einem einzigen Moment auf den Punkt bringt. Das Ganze auf den Punkt bringt. In der Stille der Nacht. Das, wofür ich eigentlich all diese Friedhofstouren mache und noch weiter machen will. Mit meinen schönen, hoffnungsvollen und oft zu unruhigen Händen…

Manchmal schneit es im Juni. Und manch eine Leidenschaft kann eine riesige Überraschung mit sich bringen. Bis bald… :-)

Betende Hände

Betende Hände

1 Antwort zu „Snow in June“


  1. 1 charly9542 Juni 13, 2009 um 5:40

    Hallo Andrej,

    ich kenne solche Erlebnisse, Ereignisse auch. Mir ist es zum Beispiel schon oft geschehen, dass ich in einer bestimmten Situation, gleichgültig ob fröhlich, heiter, traurig oder beklemmend, auf das genau passende Buch stoße das mir weiterhilft.
    Und letzte Woche treffe ich auf einer kleinen Wanderung eine alte Dame, weitgereist, wie sich herausstellte. Wir kommen ins Gespräch und landen beim Thema Zufall und stimmen darin überein, dass es ihn nicht gibt. „Es ist das, was einem zufällt,“ sagte die Dame, „zufallen muss.“

    Gruß!
    Charly


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